Freitag, 9. Mai 2008

„... und feier schön!“

Ja, Du mich auch.

Nehmen wir mal rein hypothetisch an, gestern hätte nicht nur das fluffige Flüffchen sondern auch noch eine enge Freundin von mir (wir stehen uns in der Tat sehr nahe) Geburtstag gehabt. Nennen wir sie L. Simpson. Nein, zu auffällig. Nennen wir sie Lisa S. Lisa hat eine Mutter, Bartina, eine Tante, Tante Marge und einen Onkel, Onkel Homer. Ähnlich wie bei mir, wahrscheinlich verstehen wir uns deswegen so gut. Wir können auch beide recht wenig mit Geburtstagen anfangen. Zu Recht, wie sich herausstellt.

Lisa hatte nun also Geburtstag und das sollte auch gefeiert werden, wie das in unserem Kulturkreis so gang und gäbe ist. Lisa stellte sich etwas Baumiges unter freiem Himmel vor, aber Tante Marge wollte unbedingt in die Alte Reichskutsche, ein langweiliges, kahles Hotelrestaurant ohne Terasse oder Ähnliches.
Mutter Bartina wies darauf hin, daß Tante Marge quengelig werden würde, sollte Lisa auf Freiflächenbaumigkeit an ihrem Geburtstag bestehen, was sich negativ auf das zu erwartende Geschenkvolumen auswirken könnte. Bartina meckerte so lange herum, bis Lisa die Augen gen Himmel wandte und „Jahaaa, ist ja schon gut. Gehen wir eben dahin.“ ausrief.

Und so geschah es. Die Familie ward eingesammelt und in die Alte Reichskutsche verfrachtet, wo sie die einzigen Gäste waren. Positiv für die kollektive familiäre Schwerhörigkeit, allein Lisa fand große, leere Gasthäuser schon immer etwas trist. Ein Ecktisch und das Essen wurden gewählt. Vorspeise, Spargel mit Butter, Kartoffeln, Bratwürstchen und zerlassener Butter, eventuell noch eine Nachspeise.

Bis zur Vorspeise hatten Mutter Bartina und Tante Marge ihr erstes Glas Wein schon geleert. Die Vorspeise war gut, die Stimmung auch. Mittlerweile waren auch noch zwei Gäste, Frauen, eingetroffen und hatten direkt hinter Lisas Geburtstagsgesellschaft Platz genommen. Ich werde ja nie verstehen, warum die Leute sich in einem völlig leeren Raum unbedingt so nah wie möglich an eine schon bestehende Gruppe setzen müssen.
Vielleicht eine atavistische Furcht vor Säbelzahntigern. „Wenn ein Säbelzahntiger angreift, dann können die vom Nebentisch ihn mit dem Baguette und den Kartoffelpuffern bekämpfen, denn die haben ihr Essen ja schon.“

Das zweite Weinglas wurde geleert, die Hauptspeise traf ein. Die Würste waren trocken, die Kartoffeln noch fast roh. Wenigstens der Spargel war ganz gut, allein, Lisas große Freude beim Spargelessen ist das Knätschen der Kartoffeln, was ihr durch den Aggregatszustand der Knollen nun aber verwehrt wurde. Der vom Kellner vorgeschlagenen Kartoffelaustausch wurde unisono von Mutter Bartina und Tante Marge abgelehnt und noch bevor Lisa ein schüchternes „Ich hätte dann doch gerne andere Kartoffeln.“ vorbringen konnte, war der schwarz-weiße Dienstleistungsbeauftragte auch schon wieder verschwunden.

Das dritte Weinglas ging zur Neige, als der leicht lispelnde Kellnerjüngling wieder auftauchte und verkündete, als Wiedergutmachung (kulinarische Reparation am 08 Mai – welch Ironie!) für die Kartoffeln gäbe es einen Gratisnachtisch. Gut, okay, da sagt man nicht nein.

Das vierte Weinglas wurde geliefert und Mutter Bartina sowie Tante Marge ergingen sich in gar erquicklicher, weinseliger Unterhaltung. Die Rolle von Onkel Homer beschränkte sich auf ein gelegentliches „Jaja.“, während Lisa ein geistiges Date mit Gibbs hatte. So war jeder glücklich und zufrieden, bis Mutter Bartina in ihrer üblichen Presslufthammerlautstärke den folgenden Satz zum Besten gab: „Ach, da habt ihr euch immer Witze erzählt, wenn ihr mit den Leichen 'rumgemacht habt?“

[...]

Man sollte dazu wissen, daß Tante Marge Ärztin war und zu ihrer Ausbildung damals nun auch mal die Obduktion von ein bisschen unlebendigen Menschen zählte. Solcherlei Hintergrundinformationen konnte man aus „... wenn ihr mit den Leichen herumgemacht habt.“ allerdings nicht ziehen, was das schlagartig aussetzende Gespräch am Tisch hinter Lisas Geburtstagsgesellschaft eindeutig zeigte.

„Mutter, Tante Marge ist Ärztin, da heißt sowas Obduktion.“ warf Lisa daraufhin erklärend in ebensolcher Bühnenlautstärke ein. Das Gespräch am Nebentisch lief daraufhin langsam wieder an. Grade nochmal gutgegangen.

Die Zeit verrann, der Wein tat ebensolches in den mütterlich-tantlichen Kehlen. Tante Marge begann dann in undeutlicher Nuschelstimme darüber zu schwadronieren, daß früher ja alles besser gewesen sei, früher konnte man die Türen noch unverschlossen lassen, da gab's ja den guten Onkel A., der für Ordnung gesorgt hätte. Mutter Bartina saß nur stupide grinsend da. Wahrscheinlich dachte sie, Tante Marge beziehe sich auf Onkel A., den angeheirateten Großonkel väterlicherseits, das des Nächtens mit Pickelhaube und Mistgabel ums Haus lief, um Einbrecher, Vandalen und streunende Wühlmäuse fernzuhalten.
Noch während Lisa sich fragt, ob sie im falschen Film sei, wenden sich die angetüterten Angehörigen unverfänglicheren Gesprächsthemen zu: der Bestrafung von Sexualstraftätern im dritten Reich und Witzen über die Kastrierung von Afrikanern mittels zweier Backsteine. Wiederholte thematische Ablenkungsmanöver Lisas wurden ignoriert.

Sie verzog sich daraufhin erst mal für 30 Minuten in den Abort, erwog ernsthaft, aus dem Fenster zu klettern und in Irland unter dem Namen Shauna Sheep ein neues Leben zu beginnen.

Nach einer Stunde und 10 Minuten kam dann der verspätete Reparationsnachtisch: eine lausige Kugel Vanilleeis, über die unzeremoniell ein bisschen Dosenobst gekippt wurde. Das Papierschirmchen riß diesen jämmerlich schofeligen Nachtisch nun auch nicht mehr heraus. Daß die Gesellschaft aus vier Personen bestand, aber nur drei Becher vorbereitet wurden – was soll's.

Lisa und Familie warteten dann noch 25 Minuten auf den versprochenen vierten Nachtisch, bis das glückliche Geburtstagskind dann endgültig die Nase voll hatte und ihrer volltrunkenen Entourage sanft, aber nachdrücklich ans Herz legte, daß sie nun doch langsam mal zahlen könnten. Ist ja bekannt, daß es sehr aufwändig ist, eine Kugel Vanilleeis mit Dosenobst zu überschütten, so lange hatten sie nun wirklich nicht mehr Zeit.

Es wurde gezahlt und man schwankte (in Lisas Fall: stapfte) zum Auto. Auf der Treppe zum Parktplatz rief dann noch eine ganz liebe Freundin an und gratulierte Lisa zum Geburtstag, was diese aus unerfindlichen Gründen nicht mit ihrer üblichen Herzlichkeit aufnehmen konnte. Was ihr heute peinlich ist.


Nachdem Tante Marge und Onkel Homer sicher daheim abgeliefert worden waren, drang durch Mutter Bartinas benebeltes Hirn, daß Töchterlein Lisa nicht jauchzend und freundestrahlend hinter dem Steuer saß. Ihre erste Frage: „Bist Du nicht satt geworden?“

Auf Lisas Hinweis, daß sie den Abend richtig scheußlich fand, reagierte Mutter Bartina auf die ihr übliche Art: Lisa hätte ja erstens was sagen können und sei deswegen selbst schuld und sei zweitens und außerdem ein undankbares Balg, weil sie, Bartina, heute extra ihren Romméstammtisch abgesagt hätte, um Lisas Geburtstag mitfeiern zu können. So große Opfer bringe sie, aber Lisa wisse das ja nicht zu würdigen und sie fände es jetzt total scheiße, daß Lisa sich nicht freuen würde.

Whatever.

Lisa hat jedenfalls beschlossen, ihren nächsten Geburtstag wieder in der ausländischen Pampa zu verbringen, wo im Umkreis von 1000 km² kein Mensch (oder Schaf) weiß, daß und wann sie Geburtstag hat. Sollte man sie fragen, wird sie einfach antworten, daß sie zwei Wochen lang im Mai hat. „Zwei Wochen im Mai?“ – „Ja, ich wurde von tibetanischen Austauschstudenten unter einer Linde gefunden.“ – „Zwei Wochen lang?“ – „Ich konnte ziemlich schnell krabbeln.“ – „... ah.“

Ja, so macht sie das.

Kommentare:

Purslane hat gesagt…

Familie ist wirklich unschlagbar darin, einem den Geburtstag zu versaun. Ich stand dieses Jahr ne Stunde lang heulend in der Küche. Das wiederholt sich auch nicht nochmal.

Aber deine Verwandtschaft toppt noch die Themen, die meine Verwandtschaft so von sich gibt. Bei extremer Schwachsinnigkeit gehe ich ja ab und an mal dazwischen, aber meistens bin ich dann auch gedanklich woanders unterwegs. Oder spiele Rommee. *gg*

Faith Manages hat gesagt…

Ja, Familie. Ein Fluch und ein Segen. :monk:

Meistens führen sie sich ja ganz anständig auf, aber das vorgestern war dann eine Art jährlicher Supergau. Im Zusammenspiel mit dem miesen Essen war dann der Ofen völlig aus. *grummel*

Doubtfool hat gesagt…

Bei der ersten Hälfte musste ich noch grinsen, bei der zweiten erwog ich dann, dich aus Mitleid zu adoptieren. :uhoh: Und du denkst dir sie wirklich nicht nur aus?

Mama Tessa hat gesagt…

Ja, erst war es sehr amüsant, aber dann habe ich auch überlegt, ob ich nicht besser ins Weinen übergehe.
Man ist undankbar, intolerant und sowieso mit nix zufrieden... schon klar!
Du armes Ding! Wenn wir uns mal wieder sehen, dann streichel ich Dich ganz doll und Du darfst meine Schulter zum Ausheulen verwenden, jawohl!

Faith Manages hat gesagt…

Und du denkst dir sie wirklich nicht nur aus?
Nope. Andere Blogeinträge mag ich an der einen oder anderen Stelle for the sake of the story etwas ausschmücken, aber bei Familiengeschichten ist das nicht nötig. :ugly: Da kann ich meine Erlebnisse 1:1 zu Papier/Internet bringen.


[...] und Du darfst meine Schulter zum Ausheulen verwenden, jawohl!
*snief* Dann zieh Marie vorher aber Schwimmflügelchen an. Die Geschichte der Lisa ist eine lange Geschichte voller Familiengeschichten. :ugly:

Alienor hat gesagt…

Oh jeh. Ohjeohjeohjeeeh.

Ich glaub, ich muss dringend mal meine Familie herzen gehn.
(Zumindest die eine Seite der Familie. Über die andere Seite breite ich dann auch lieber den Mantel des Schweigens. ;-))


PS:
>Lisa hat jedenfalls beschlossen, ihren nächsten Geburtstag wieder in der ausländischen Pampa zu verbringen, wo im Umkreis von 1000 km² kein Mensch (oder Schaf) weiß, daß und wann sie Geburtstag hat.

Wenn _Das_Forum_(TM) nächstes Mal nach Irland fährt - darf ich dann miihit? *frag* :)
Ich verspreche auch, im Ernstfall Lisas Geburtstag zu vergessen! (Oder nur ein ganz bisschen dran zu denken. Lautstark und schief "Häppi Börsday" singen in einem Restaurant voller Unbeteiligter oder irgendwas ähnlich Unauffälliges. :kähä:)

schildmehdchen hat gesagt…

Ich glaube, ich kann mich Alienor in allen Punkten nur anschließend. :nick: *familie herzen geh*